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Einführung in die Sportethik 1

Sportethik, Rudern, Schwimmen

Kurze Geschichte der Sportwissenschaft

Die Sportethik ist mit der Sportwissenschaft verbunden (Brunn 2014). Bei der Sportwissenschaft handelt es sich um eine vergleichsweise junge Wissenschaft im Kanon der etablierten wissenschaftlichen Fächer und Disziplinen(Krüger 2022a). Sie ist kein Grundlagenfach wie Mathematik oder Physik, sondern ein anwendungsorientiertes Querschnittsfach (Krüger 2022b). Das bedeutet, dass sie  aus unterschiedlichen Teildisziplinen besteht, welche sich wiederum an ihren „Mutterdisziplinen“ orientieren. 

Sportwissenschaftler*innen, welche sich mit der Geschichte ihres Fachs auseinandergesetzt haben, unterscheiden unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Sichtweise vier wesentliche Etappen der Entwicklung der Sportwissenschaft: 

  1. Die Vorgeschichte der modernen Sportwissenschaft seit der Antike bis zur Renaissance und Frühen Neuzeit 
  1. Die Turnphilologie oder Turnwissenschaft in Deutschland seit dem 19.Jahrhundert im Rahmen der Ausbildung von Lehrkräften für Lehrämter
  1. Die akademische Sportwissenschaft mit der Gründung eigener sportwissenschaftlicher Institute an Universitäten 

In Deutschland gilt als einer der Begründer einer modernen Wissenschaft  vom Sport und über den Sport Carl Diem (1882-1962). Dieser setzt als Beginn einer modernen Sportwissenschaft die von ihm selbst initiierte Gründung der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL) in Berlin im Jahr 1920 an.

  1. Der Neuaufbau der Sportwissenschaft(en) an Universitäten nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Stiftung von Lehrstühlen für Theorie der Leibeserziehung und Sportwissenschaft an Universitäten und akademischen Sportinstituten

In Ost-und Westdeutschland schließen die verantwortlichen Politiker*innen und Sportfunktionär*innen beim Neu- und Wiederaufbau des Sports und der Sportwissenschaft nach 1945 an die 1920er-Jahre an. Symbol dafür stellen die Gründungen der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln 1947 und der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig 1950 als Nachfolgeeinrichtungen der DHfL dar. Diem wird der erste Leiter bzw. Rektor der DSHS.

Laut Ommo Grupe (1930-2015) bildet sich die „richtige Sportwissenschaft“  in  der Zeit Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre heraus. Grupe selbst bzw. seine akademische Karriere stellt ein Beispiel für diesen entscheidenden Abschnitt der Verwissenschaftlichung bzw. Akademisierung des Fachs dar. Seine Arbeit über die Pädagogik der Leibesübungen erkennt die Philosophische Fakultät der Universität Tübingen 1967 als Habilitationsleistung an und beruft ihn auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für „Theorie der Leibeserziehung“, bei welchem es sich um den ersten in Deutschland handelt. Grupes akademische Lehrbefugnis ermöglicht nun zum einen, dass man in Tübingen Leibesübungen bzw. Sport im Hauptfach für das Lehramt studieren kann, zum anderen eine Promotion im Fach Leibesübungen/Sport. Diese Möglichkeit ist Ende der 1960 singulär in Deutschland. Seit 1960 bekleidete er bereits das Amt des Direktors des Instituts für Leibesübungen an der Universität Tübingen.

Die Anerkennung des Sports als eines Gegenstands, welcher  an Universitäten wissenschaftlich untersucht bzw. erforscht und akademisch vermittelt werden soll, vollzieht sich in Deutschland erst seit den 1970er-Jahren.  Damals kommt es in der Bundesrepublik zu einer Einrichtung von Lehrstühlen bzw. Professuren für Sportwissenschaft. Um ein erfolgreiches Abschneiden der bundesdeutschen Athlet*innen bei den Olympischen Spielen 1972 in München zu garantieren, wird die Sportwissenschaft an den Universitäten besonders unterstützt (Krüger 2022a). Es ist der politische Wille, den Ost-West-Konflikt auch im Olympiastadion durchzuführen, selbstverständlich nach den Regeln des Sports. Die Instrumentalisierung des Sports nützt der Sportwissenschaft, welche von nun an in der Lage ist, sich immerfort auszudifferenzieren. Dieser Differenzierungsprozess untersteht – wie bei bei vielen neueren Wissenschaften – einer starken Beeinflussung durch äußere Faktoren. Er liefert Antwort auf gesellschaftliche Problemlagen, Nachfrage und Entwicklungen (Brunn 2014).

1971 erhält die DSHS in Köln offiziell den Titel als wissenschaftliche Hochschule und damit das Recht, Doktortitel in Sportwissenschaft zu vergeben und akademische Lehrbefugnisse für das akademische Fach Sportwissenschaft zu erteilen. Nun gibt es habilitierte Personen für Sportwissenschaft. Es erfolgt auch eine Umbenennung der Institute für Leibesübungen an den Universitäten der Bundesrepublik in Institute für Sportwissenschaft, welche dann als akademische Fächer an den Universitäten mit allen Rechten und Pflichten anerkannt werden. Die traditionelle Aufgabe der akademischen Sportlehrerausbildung, welche sie nach dem Zweiten Weltkrieg ausgeführt haben, wird fortgesetzt und ergänzt um eine verstärkte Ausrichtung auf die leistungssportliche Forschung.

In der DDR ist auf den ersten Blick durchaus eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Jedoch heißen die Sportinstitute hier nicht Institute für Leibesübungen bzw. Leibeserziehung, sondern es ist von Körpererziehung sowie Körperkultur und Sport die Rede. Genauso wie in der BRD bilden diese Institute Turn-und Sportlehrer*innen für den Schulsport bzw. die Körpererziehung an Schulen aus. Mit dem Blick auf die Olympischen Spiele 1972 sollte auch hier seit den 1960er-Jahren die Forschung auf dem Gebiet des Leistungssports besonders befördert werden. In diesem Punkt lässt sich ein Unterschied bei der Entwicklung in der DDR und der BRD feststellen. Die Forschung in der DDR findet nicht oder nur begrenzt an den Universitäten im Rahmen des Forschungs-,Lehr- und Studienbetriebs statt, sondern in eigenen Forschungsinstituten, namentlich im Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) und im Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten(FES). Beide weisen eine enge Verbindung mit der DHfK auf, gehen aber einem eigenen leistungssportlichen Forschungsauftrag nach (Krüger 2022a).

Heute gibt es in der Sportwissenschaft viele Einzeldisziplinen. Als ein Modell für die Struktur der Sportwissenschaft kann die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) angesehen werden. Der Berufsverband der Sportwissenschaftler*innen in Deutschland ist in elf Sektionen und zwölf Kommissionen aufgefächert. Bei Sektionen handelt es sich in der Regel um  die an klassischen Fächern (Mutterdisziplinen) orientierten Fachgruppen, welche theoretisch und methodisch im Hinblick auf Fragen der Erkenntnisgewinnung auf diese Mutterwissenschaften verweisen (Krüger 2022b).

Nach der Internetseite der dvs lauten die Sektionen wie folgt:

Biomechanik, Sportgeschichte, „Sportinformatik und Sporttechnologie“, Sportmedizin, Sportmotorik, Sportökonomie, Sportpädagogik, Sportphilosophie, Sportpsychologie, Sportsoziologie und Trainingswissenschaft. 

Aufgabe der Sportethik 

Die Sportethikdebatte nimmt ihren Anfang in den 1960er-Jahren und wird hauptsächlich von Theolog*innen und sportaffinen Philosoph*innen geführt. Allen voran ist in diesem Zusammenhang der Philosoph und Ruderolympiasieger im Achter von 1960 Hans Lenk zu nennen. Im Unterschied zu z.B. den Wirtschafts-, Medizin- und Bioethikdebatten, welche interdisziplinär geführt werden, findet die Auseinandersetzung mit der Sportethik hauptsächlich innerhalb der Sportwissenschaften statt. Die Zahl der Beiträge zur Sportethik nimmt seit den 1980er-Jahren stark zu. 1998 erhält die wissenschaftliche Sportethik in der Publikation des Lexikons der Ethik durch den Sportpädagogen Ommo Grupe und den römisch-katholischen Sozialethiker Dietmar Mieth einen wichtigen Leuchtturm, welcher jedoch jenseits der Sportwissenschaft kaum zur Kenntnis genommen wird.

Die Aufgabe der Sportethik stellt zum einen die Reflexion der im Sport handlungsleitenden Überzeugungen und des im Sport praktizierten Ethos in individualethischer, institutionenethischer und sozialethischer Perspektive dar, zum anderen die theoretische Begründung von Werten und Normen, welche für den Sport handlungsleitend sein können oder sein müssen. Dazu zählt darzulegen, welche Werte und Normen in Geltung stehen. Einerseits kann dies in Gestalt empirischer Erhebungen ablaufen, andererseits besteht auch die Möglichkeit, phänomenologisch vorzugehen, indem untersucht wird, mit welchen ethischen Werten das Phänomen Sport logisch zusammenhängt. Hier stellt sich sehr bald heraus, dass Fairness ein zentraler ethischer Wert des Phänomens Sport darstellt. 

Die  Sportethik beschäftigt sich aber auch mit der kontextsensiblen Begründung von Normen. Sie muss also dahingehend Fragen stellen, wie sportethische Normen zu begründen sind  und ob andere ethische Normen und Leitbilder existieren, aus welchen sie ableitbar sind. Derartige Reflexionen müssen in individualethischer, sozialethischer und institutionenethischer Perspektive vollzogen werden. Es ist zu beleuchten, was für eine Bedeutung sportethische Normen für die einzelne sporttreibende Person sowie für die sportreibende und Sport konsumierende Gesellschaft und ihre ökologischen Lebensbedingungen haben und inwiefern diese Normen in den Regelwerken des Sports und in den Regeln für den Sport in der Lage sind zu wirken. Dies kann nur im Austausch  mit den verschiedenen Einzelwissenschaften geschehen. Die Sportethik muss also interdisziplinär geöffnet sein. 

Nicht zuletzt zählt ebenso zum Tätigkeitsfeld der Sportethik wie der Ethik überhaupt, sich über die metaphysischen und anthropologischen Grundlagen, auf deren Basis es zur Urteilsbildung kommt, Gewissheit zu verschaffen(Brunn 2014).

Quellen:

Brunn, Frank Martin (2014), Sportethik. Theologische Grundierung und exemplarische Ausführung, Berlin /Boston.

https://www.sportwissenschaft.de/die-dvs/struktur-und-gremien/sektionen/ , abgerufen am 11.05.2023.

Krüger, Michael (2022a), Sportwissenschaft: Zur Geschichte einer Querschnittswissenschaft, in: Güllich, Arne / Krüger, Michael (Hgg.), Grundlagen von Sport und Sportwissenschaft. Handbuch Sport und Sportwissenschaft, Berlin / Heidelberg, 39–57.

Krüger, Michael (2022b), Sportwissenschaft: Gegenstand, Disziplin, Theorie und Praxis, in: Güllich, Arne / Krüger, Michael (Hgg.), Grundlagen von Sport und Sportwissenschaft. Handbuch Sport und Sportwissenschaft, Berlin / Heidelberg, 59–75.

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